Aus aktuellem Anlass – Gedanken eines Bauernkindes

Nach was riecht es denn hier? Mhh, Schweinelende mit Sahnesoße, dazu  Rosmarinkartoffeln und wahrscheinlich frischer Gartensalat mit gerösteten Brotcroutons.
Eigentlich würde ich mich über meine Leibspeise total freuen, doch anstatt voller Vorfreude in die Küche zu rennen, laufe ich heute lieber vorsichtig die Treppe runter. Die Stimmung am Frühstückstisch war komisch.
Papa und Maxe, mein kleiner Bruder, sitzen schon am Tisch. Maxe spielt völlig ausgelassen mit seinem neuen John-Deer-Modelltraktor und Papa, normalerweise die Fröhlichkeit in Person, starrt gedankenverloren auf seine Hände. Das sieht ihm mal gar nicht ähnlich.
Ich laufe zu Mama in die Küche, um das Geschirr für den Tisch zu holen.
„Soll ich das grüne oder das blaue Service nehmen?“, frage ich und schaue ihr dabei über die Schulter. Mannomann, sieht das lecker aus!
„Ja, wirklich schönes Wetter heute“, antwortet Mama. Danke für das Gespräch.
Wenig später sitzen alle versammelt um das herrlich duftende Mittagessen, die Teller von Maxe und mir sind bis zum Anschlag gefüllt. Papa starrt auf seinen leeren Teller und seufzt mit Mama im unisono, und zwar abgrundtief.
„Was ist denn heute mit euch los?“, frage ich besorgt, „Papa, warum isst du denn nichts?“
Meine Eltern schauen sich an und nachdem ich meine erste Portion aufgegessen habe, fängt Mama an zu sprechen: „Du hast doch bestimmt schon von dem Stalleinbruch gehört, oder?“
„Klar, da ist ja zurzeit in aller Munde. Selbst meine Klassenkameraden haben davon Wind bekommen. Einige haben ein paar fiese Kommentare über mich abgelassen, alles nur heiße Luft. Außerdem wissen meine Freunde ja, wie viel Arbeit wir mit unseren Schweinen haben.“
Papa stochert lustlos in seinem Essen rum und Mama seufzt erneut.
„Einige Leute sind heute Morgen schon vorbeigekommen und haben sich bei Papa beschwert.“
„Aber worüber denn?“, jetzt bleibt auch meine Gabel auf dem Teller liegen.
„Das wüsste ich auch gerne. Was da für Vorwürfe dabei waren; von Tierquälerei und Tierschänderei über rechtswidrige Machenschaften bis hin zu Verbesserungsvorschlägen, so nach dem Motto: besseres Futter, mehr Freilauf, mehr Fürsorge, mehr wasweißich.“, grummelt Papa, die Hände in den Kopf gestützt.
„Ich versteh das nicht. Wir wurden doch erst letzten Monat kontrolliert? Und was das Futter angeht, das bauen wir doch selber an. Mehr Freilauf? Auch dann gibt es nicht unbedingt weniger Schwanzbeißerei und wenn wir Berta aus ihrer Abferkelbox rauslassen, dann zerquetscht sie ihre kleinen oder legt sich aus Versehen auf sie drauf.“ Nun habe ich keinen Appetit mehr, dabei sind die Töpfe noch halbvoll.
„Ich mag Berta. Berta kann man streicheln. Und die kleinen Ferkel sind ganz niedlich. Am liebsten habe ich das mit dem kleinen Fleck auf dem Kopf.“, steuert Max bei, der nun auch seinen Kopf schiefgelegt hat.
„Damit wäre das Thema Fürsorge auch geklärt.“, grinst Mama und wuschelt Maxe über den Kopf.
„Siehst du Papa, du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Die können uns nichts anhängen.“, beruhigend lege ich ihm die Hand auf die Schulter.
„Hoffen wir’s.“ Er lächelt schief und schöpft sich nochmal.